Nostalgie ist eine charmante Lügnerin, heißt es irgendwo. Ein bescheuerter Satz. Früher war auf jeden Fall alles besser (siehe Bon Jovi). Das Zitat stammt bestimmt von Leuten, die erst in den letzten maximal 15 Jahren geboren wurden; de Facto also noch Kinder sind und demnach eigentlich gar nichts zu melden haben dürften. Denn was haben Kinder schon merklich Positives zum Diesseits beigetragen? Nüscht. Konsequenterweise müsste man sie, ob ihrer Unproduktivtität ausweisen und ins Exil stecken, vielleicht Berlin-Mitte. Allein das eigens für sie produzierte Spielzeug gibt Kindern eine gewisse Daseinsberechtigung. Es macht sie zu einer werberelevanten Zielgruppe. Und Werbung wiederrum ist bekanntlich das sinnvollste Gut unserer modernen Informationsgesellschaft. Den Beweis liefert das Produzententeam mit dem eingänglichen Namen Orphans STHLM. Glücksmomente voll Euphorie verdanken wir den intimen Produktempfehlungen- das sieht man in diesem Video ganz deutlich. Selbst die kackbratzigen Knirpse wirken erträglich, ja fast schon sympathisch, wenn König Konsum das Gute und Ehrbare in ihren schlichten Seelen weckt.

So schlecht kann die Welt nicht sein, wenn es da draussen Individuen gibt, die mit dem Verkauf von Morphsuits ihren Lebensunterhalt bestreiten. Vielleicht sollte das mal jemand festhalten. Irgendwo niederschreiben, einen Film darüber drehen, es in einem Bildband verewigen. Auf das wir, wenn es einmal schlechter um die Menschheit bestellt ist, uns an die Tage zurückbesinnen können, in denen Spandexkostüme etwas waren, über deren Anschaffung man ernsthaft nachdenken konnte. Die Dokumentation dieses himmlischen Zustands sollte jemand Relevantes übernehmen, jemand den Leute langfristig ernst nehmen. Otto von Schirach wäre so jemand; er ist adelig, also besser als wir und er produziert Techno, was ja automatisch Vertrauensvorsprung bedeutet. Das wäre ein perfekter Plan. Nur eines könnte ihn zunichte machen: der Windows Media Player. Doch wer käme auf die wahnwitzige Idee, die fromme Botschaft synthetischer Polymere mit dem widerwärtigstem Wiedergabeprogramm aller Zeiten in Verbindung zubringen? Nicht mal der Teufel. Höchstens sein böser Zwilling. Im Anhang übrigens ein Video, das von DentDeCuir realisiert wurde. Kein Plan wer das ist, aber er/sie/es waren auch verantwortlich für einen Clip von Monkeytown-Kollegen Siriusmo, was erwähnt werden muss, weil der Track ein Meisterwerk und das Video so herrlich dumm ist, dass es wie eine Gehirnmassage kommt.

Da die Konjunkturlage grad günstig steht, haben in diesem Land viele Menschen einen Job und denken sich “Work that body!” und wenn ihnen jemand beim Arbeiten zuschaut, denken sie sich “Yeah, baby! Thats how I work it.”. Wahrscheinlich nicht, aber die Vorstellung ist schön. Die meisten Arbeitnehmer in Deutschland denken tagsüber an Sex und Mittagessen, alles andere macht auch keinen Sinn, denn das sind unsere ureigenen Primärziele. Nachts im Club denkt niemand an Mittagessen, was der Atmosphäre auf jeden Fall zuträglich ist. Einige wenige ziehen dann vielleicht noch an einen Snack beim Döner-Grill in Betracht, aber dann ist im Prinzip eh alles verkackt. Eli Escobar hat mit Verkacken nichts am Hut, denn in seiner Bio heißt es, er ist “the quintessential New York City DJ”. Jo. Warum nicht. Das Video zur neuen EP ist harmlos. Man sieht Menschen, die sich für Musik interessieren und dabei gefilmt werden. In diesem Sinne, “Work It!” oder auf Deutsch: “Arbeite daran.”

“Techno heute” wäre ein TV-Format, das Nina Ruge schneller in die A-Promi-Riege zurück katapultiere würde, als ein Sex-Tape mit Roger Cicero in Pokémon-Kostümen. Denn wer dem mechanischen Clubsound momentan huldigt, kann gar nichts falsch machen. Läuft nämlich super für Techno, da sich alle Beteiligten ziemlich Mühe geben, also ganz anders als z.B. beim Weltfrieden, wo ja nur Tom Cruise sein Soll erfüllt. Doch selbst wenn der Terminator diese Welt eines Tages unterjochen sollte, haben wir zumindest schon den richtigen Soundtrack parat. Brodinski schafft es Endzeitstimmung und VodkaRedBull in einer Art zu kombinieren, die einen nur allzu willenlos gegenüber der unterkühlten Ansagestimme macht, die bestimmt einer Frau gehört, deren Unterwäsche aus Latex ist (Hat Nina Ruge eine Tochter?). Verantwortlich für das Video war der Künstler Alain Domagala, dem, durch ein Gespür für Timing und Dynamik, ein kongeniales Werk gelungen ist. Es fällt außerdem auf, das Skelette immer so aussehen, als würden sie grinsen -eigentlich sehr sympathisch. Deswegen wäre es das mit den Terminators wahrscheinlich auch nur halb so schlimm.

In der Dezember Augabe des Magazins monopol beschäftigt sich ein Essay mit Retromanie, also dem exzessiven Bedienen am Gewesenen in Kunst und Kultur. Ab und zu bekommt man beim Lesen einen reingedrückt, wie z.B. Trouvaillen, Eklektizismus oder apokryphe Untersekten. Das soll einen daran erinnern, dass die Generation vor uns etwas mehr auf dem Kasten hat was Sprache angeht und wir die Hälfte des Universums nicht verstehen, weil wir gar nicht die Wörter kennen, um sie zu erklären. Ansonsten ist der Text aber nachvollziebar: Das digitale Zeitalter macht alles verfügbar, das Verlangen nach einer klaren Ästethik und die Flucht vor dem Neuen, weil es schwieriger ist. An einer Stelle wird die Retromanie als Look beschrieben, nachdem wir uns sehnen wie nach den engen Gassen einer alteuropäischen Kleinstadt. Wenn man sich das neue Video von Nero anguckt, kommt das hin. Wir, die wir in den 80ern im Kindergarten Mittagsschlaf machen mussten, wollen das Gleiche wie unsere Eltern, auch wenn wir weniger Fremdwörter kennen; ein bisschen Miami Vice in unserem Leben. Und zwar nicht die Jamie Foxx/ Colin Farrel-Version, sondern die mit den Roulette-Tischen, weißen Tigern und bonbonfarbenden Bikinis. Dafür schmeissen wir ja auch Dubstep in den Topf und verzichten aufs Koks (zu teuer).

Harte Drogen können durchaus bedeuten, dass man ohne Zähne in einem verlassenen Industriegebiet aufwacht und nach Penis riecht. Meistens aber sieht man einfach irgendwelchen Muster durch die Gegend flimmern und einem ist so ein bisschen schlecht. Das zweite Szenario wird gerne von der elektronischen Tanzmusik auch in Videoform aufgegriffen, allerdings ist das problematisch. Auf Drogen stellt sich die Frage, ob man sich solche visualisierten Trips unbedingt anschauen sollte oder ob das nicht zuviel des Guten wäre. Ohne Drogen sind diese Videos allerdings so spannend wie ein Bildschirmschoner. Auch der Clip zum neuen Werk von Egyptrixx bleibt in diesem Dilemma hängen. Das wirkt mehr wie die Semesterarbeit eines Grafik-Studenten oder ein Mood-Film, der bei Modeschauen im Hintergrund läuft. Selbstverständlich steckt da viel Arbeit drin, aber die steckte auch im PT Cruiser. Bei Ohbijou handelt es sich übrigens um eine, ebenfalls wie Egyptrixx aus Kanada stammende, Indie-Band, deren Beitrag zu diesem Song nicht ganz klar ist, aber es wird was mit dem “Uhhhhh” zu tun haben, das so in der Mitte auftaucht…oder ist es mehr ein “Ohhhoooo”? Wer hat die Lyrics?

Ok, das schauen wir uns mal genauer an. Die ersten Sekunden sind noch harmlos. Dass die ‘Thriller’-Jacke durch die Shorts und die Sneaker ein wenig diskreditiert wird, nimmt man mit einem leisen WTF hin. Es spielt natürlich auch ein bisschen Mitleid mit rein, wegen des Autos- mit Synthie-Pop ist eben kein Porsche drin. Das hier aber irgendwas gewaltig nicht stimmt, beschleicht einen spätestens, als der Freund/Fuckbuddy abgeholt wird. Haben Raver in den 90ern wirklich Zeitmaschinen gebaut? Macht das Sinn? Was wollen die hier? Drogen sind ja nicht billiger geworden in den letzten 20 Jahren. Oder ist der Typ eine Ein-Mann-Mahnwache, um der Tshirt-Industrie ihre größte Schandtat vor Augen zu halten? Egal, was folgt ist der Aufbau homoerotischer Spannungen, angespornt durch jungenhaftes Herumtollen und die intime Nähe die entsteht, wenn das Auto zu klein ist. Am Ende entladen sich die angestauten Triebphanatsien in etwas einfallslosen Dancemoves und Liegestützen und nicht in irrwitzigem Analsex, was einem stimmigen Plot allerdings zuträglich geworden wäre. Ein bisschen schade, da der tolle Song von Koobra ein rundes Video verdient hätte, vielleicht geht da noch was im Director´s Cut. “Baby, please forgive meeeeeeheeeeee.”

Der Wald ist unser zivilisatorischer Ursprung. Hier begann das Abenteuer “Deutschland”. Mit dem Geruch von Disteln in der Nase, nassem Laub unter den Füßen und Bucheckern zum Frühstück. Mit Wölfen und Eulen und Zwergen und Drachen. Die Wälder haben wir längst verlassen, wir leben nun in Städten wie Berlin oder München, manche von uns sogar in Detmold. Nur selten trauen sich die Menschen wieder zurück, meist weil sie Pilze sammeln oder eine Leiche vergraben. Dabei kann die Rückkehr zu den sprichwörtlichen Wurzeln eine tiefe spirituelle Erfahrung sein, sofern Nacktsein mit kleinen Glöckchen in den Haaren und Bäume umarmend, als spirituell durchgeht -aber wenn nicht das, was sonst? Auch Filmisches lässt sich prima im Wald realisieren, da man nicht von Prolls gestört wird, die betreten und dummdreist in die Kamera grinsen und es keiner Dixie-Klos für die Statisten bedarf. Renaissance Man haben das erkannt, aber die kommen auch aus Finnland, wo es ja fast mehr Wald gibt als Schwedens IKEA an einem Tag vernichten könnte. Ihr neues Video bringt zudem die beiden besten Wörter zusammen, die mit C anfangen: Camouflage und Choreografie, endlich.

Wer in den 90ern seine ersten Parties erlebt hat, der kennt, verachtet oder verklärt bestimmt noch die Dancepop-Kombi Fun Factory. Fun Factory sind so ziemlich das genaue Gegenteil von Factory Floor. Das fängt damit an, dass Erstgenannte Musik für Kinder bzw. Erwachsene mit einem niedrigen I.Q. gemacht haben, während Letztere sich eher an Menschen wenden, die als Hobby Lesen und Schreiben angeben. Beim Hören von Fun Factory bekommt man Lust ins Schwimmbad zu gehen oder im Schlafanzug Pizza zu essen, was etwas grundlegend anderes ist, als sich knapp 10 Minuten vor einen Projektor zu stellen und ein ausdruckloses Gesicht zu machen, während der Rest vom Körper sein Ding macht. Auch der Anspruch, der an Musikvideos gestellt wurde, unterscheidet beide deutlich. Die Spaßfabrik gönnte sich meist aufwendig produzierte Szenerien mit vielen Darstellern und Drehtagen. Die drei Londoner von Factory Floor flippen beim Thema nicht so aus; das aktuelle Video könnte auch vom Manager bei einem Gig aufgenommen sein. Auf jeden Fall sieht man diverse Tapetenmuster, die einem bei eventuellen Deko-Maßnahmen die entscheidene Inspiration liefern können.

Ja ja, Thomas Gottschalk. Seit Jahren der VIP-Betreuer von Zeitschluckern wie Veronica Ferres und Marius Müller-Westernhagen. Und nur weil sich J.Lo währende einer Promo-Tour mal 3 Minuten auf sein Sofa setzt, heißt das gar nichts, wenn Relikt Peter Maffay in der gleichen Show gefühlte 3 Tage Tabaluga-Medleys performt. Das gleiche gilt für Stefan Raab, der obendrein die vielleicht schlechtesten Interviews seit Erfindung der Lautformung gibt. Harald Schmidt ist so ein Spezialfall, der könnte zwar mit den Großen, macht sich aber nicht viel draus und lädt am liebsten Autoren und Schauspieler ein, mit denen er über Theater reden kann. Ziemlich “meh”. Warum hat man noch nie Modeselektor in solchen Sendungen zu sehen bekommen? Also echte Stars. Menschen mit Fans auf der ganzen Welt. Menschen, die eine ernstzunehmende Reputation besitzen. Die mit dem ulkigen Rapper/Tänzer von Radiohead einen Song aufgenommen haben. Und ein Video raushauen, in dem Kinder von Hunden verfolgt werden. Es sind ja sogar Berliner. Aber nein. Stattdessen immer nur Til Schweiger. Wahlberliner. Der wird aber bestimmt auch von Hunden verfolgt. Zumindest trainiere ich meinen darauf.